Die doppelte Natur des Vergessens
Im Hebräischen reimen sich die Wörter lischkoach – Vergessen – und koach, das sowohl Macht als auch Stärke bedeutet, als offenbare sich darin die doppelte Natur des Vergessens. So erzählt die Ausstellung Alles vergessen aus kulturhistorischer Perspektive von der Macht, aber auch der Ohnmacht des Vergessens und fragt, ob es lediglich Verlust bedeutet oder auch Befreiung sein kann. Während das Judentum zumeist mit dem Gebot zur Erinnerung assoziiert wird, gibt es jedoch auch die Aufforderung zu vergessen. Doch gibt es ein jüdisches Vergessen? Und wie hat Vergessen die Geschichte von Jüdinnen und Juden beeinflusst?
Vergessen im 20. Jahrhundert
Ziel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik war es nicht nur, die jüdische Bevölkerung zu ermorden, sondern auch die Beweise für den Massenmord zu beseitigen. Nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager blieben nur mehr jene Zeugnisse übrig, die der Vernichtung durch die Täter*innen entgangen waren. Viele Österreicher*innen wollten ab 1945 vergessen, was geschehen war und welche Rollen sie gespielt hatten. Diese „Vergessenskultur“ wurde erst 1986, im Zuge der Waldheim-Affäre, aufgebrochen.
Vergessen als gesellschaftliche Herausforderung
In Zeiten, in denen historische Verantwortung und Erinnerung zunehmend infrage gestellt werden, ist es wichtig, über die Mechanismen des Vergessens zu sprechen und zu fragen, was verdrängt und überschrieben, was übersehen und was bewusst ausgelöscht wird. Die Ausstellung lädt dazu ein, Vergessen nicht nur als Gegensatz zum Erinnern zu begreifen, sondern als Teil einer komplexen Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems, wo sie anschließend gezeigt werden wird. Zu sehen sind Objekte aus beiden Häusern, ergänzt durch internationale Leihgaben.
Weitere Informationen finden Sie unter www.jmw.at.