INHALT: Eine Schachtel mit Familienbriefen, die lange unbeachtet war, erweist sich als wahrer Schatz: Junge Frauen aus drei Generationen schrieben während eines Aufenthaltes in England an die Eltern. Aus den Jahren 1898–1900, 1929/30 und 1967 stammend, blättern diese privaten Schriftstücke eine weibliche Alltagsgeschichte auf, die unzählige kulturhistorische Informationen in sich birgt. Die Briefe erzählen von zeittypischen Tendenzen zur Rolle der Frau, vom Großstadtleben, den politischen Verhältnissen aus der Sicht von Vertreterinnen des Bürgertums, von der Bildung junger Frauen und ihrem Freizeitverhalten. Fragestellungen der jeweiligen Epochen zeigen sich exemplarisch im einzelnen Individuum. Gleichzeitig ergibt sich ein direkter Einblick in das Denken und Fühlen der Frauen in all ihren Ambivalenzen.
Christina Natlacen, aus deren Familie die wertvollen Schriftstücke stammen, arbeitete diese nicht nur in Hinblick auf deren kulturhistorischen Gehalt auf. Ergänzt wird der Band um Essays von Julia Festman, Gerhard Geissl, Li Gerhalter, Tanja Schwan und Karl Zillinger, die mit ihrem Wissen aus unterschiedlichen Fachrichtungen die aufgeworfenen Themen zusätzlich beleuchten. Ergebnis ist eine interdisziplinäre Kulturgeschichte, die weibliche Erfahrungen aus erster Hand dokumentiert.
KOMMENTAR DES CHEFREDAKTEURS: Das gut 375 Seiten umfassende Werk ist eine wunderbare Darstellung dreier Frauen, wie sie ihre Aufenthalte in einer fremden Stadt wahrnehmen. Die Urgroßmutter der Autorin Christina Natlacen, Hildegard (1872-1954) war als Gouvernante und Lehrerin etwa zwei Jahre in London beschäftigt, schrieb zahlreiche Briefe an die Eltern in Wiener Neustadt und war intensiv daran interessiert sich in der englischen Sprache zu perfektionieren. Die Großmutter Hilde (1910-1981) hatte es in ihrer Zeit offensichtlich schwerer eine adäquate Stelle als Lehrerin zu erhalten, dafür waren die sozialen Kontakte zu den internationalen Studenten intensiver und die Freizeitaktivitäten und Studium hielten sich die Waage. Bei der Mutter Christl (1950-2025) war man schlussendlich in der Nachkriegszeit angekommen und es zeigte sich auch, dass das Briefeschreiben nicht mehr so wichtig war und durch Fotografien ersetzt wurden. Auch war der etwa vierwöchige Aufenthalt eher eine touristische Angelegenheit, sodass ein großer Briefwechsel auch nicht zustande kam.
Sehr aufschlussreich waren die Essay-Teile in denen Hintergrundinformationen über das Sprachen lernen, die politische Entwicklung des Bürgertums in Österreich vor und nach der Monarchie, aber auch die Stadtentwicklung von Wiener Neustadt aus dem Blickwinkel dreier Generationen, ausführlich besprochen wurden. – Ein kulturgeschichtlich interessantes Buch aus dem Blickwinkel dreier Frauen. Spannend und lesenswert!